Wenn der Schuldner nicht zahlt: was bei einem Zahlungsausfall passiert
Zahlt der Schuldner Zinsen oder Rückzahlung nicht, fällt der Kurs der Anleihe, und die Gläubiger bekommen meist nur einen Teil zurück – bei unbesicherten Unternehmensanleihen im langjährigen Schnitt weniger als die Hälfte. Sechs Karten: vom Ausfall über Insolvenz und Umschuldung bis zur Steuer. Lesezeit: etwa 7 Minuten · Stand: 15.10.2026
Was ein Zahlungsausfall ist
Ein Zahlungsausfall liegt vor, wenn der Schuldner Zinsen oder Rückzahlung nicht rechtzeitig zahlt. Die Ratingagentur S&P wartet dabei eine vereinbarte Nachfrist ab, höchstens 30 Tage – ohne Nachfrist fünf Geschäftstage. Als Ausfall zählen auch Insolvenz und ein Umtausch unter Druck in schlechtere Bedingungen – ein Umtausch unter Druck war 2024 bei 59 % aller Ausfälle von Unternehmen der Grund.
Was du dann tun darfst, steht in den Anleihebedingungen. Häufig dürfen Gläubiger kündigen, wenn der Emittent nicht binnen 30 Tagen nach dem Termin zahlt oder insolvent ist. Bei Anleihen nach deutschem Recht können die Gläubiger mit Mehrheit über neue Bedingungen abstimmen, wenn die Bedingungen das vorsehen – und das bindet alle, auch die, die schon gekündigt haben.
Wie die Agenturen den Ausfall fassen
| Ereignis | Zählt als Ausfall |
|---|---|
| Zahlung bleibt aus | ja, nach Ablauf der Nachfrist |
| Insolvenz des Schuldners | ja |
| Umtausch unter Druck in schlechtere Bedingungen | ja |
| Nur eine Vertragsauflage verletzt | nein |
S&P kennzeichnet einen Ausfall mit D, einen Ausfall bei einzelnen Verpflichtungen mit SD; mehr zur Skala unter Bonität und Ratings.
Kurz gesagt: Ausfall heißt: Eine Zahlung bleibt nach der Nachfrist aus – oder die Gläubiger müssen unter Druck schlechtere Bedingungen hinnehmen.
Insolvenz: wer zuerst bezahlt wird
Geht ein Unternehmen in Deutschland in die Insolvenz, verwertet ein Insolvenzverwalter das Vermögen oder setzt einen Insolvenzplan um. Die Gläubiger melden ihre Forderungen an; ausgezahlt wird erst nach dem Prüfungstermin. Bei Anleihen nach dem Schuldverschreibungsgesetz macht ein gemeinsamer Vertreter die Rechte aller Anleihegläubiger geltend, sobald die Gläubiger ihn bestellt haben – einzeln anmelden musst du dann nichts.
Gewöhnliche Anleihegläubiger stehen in der Mitte: nach den gesicherten Gläubigern und den Kosten des Verfahrens, vor den nachrangigen. Am Ende kommt oft wenig an, und es dauert: Über alle 2024 beendeten Unternehmensinsolvenzen erhielten die Gläubiger rund 10 % ihrer Forderungen; die Hälfte der Verfahren hatte 4,7 Jahre oder länger gedauert.
Die Reihenfolge in der Insolvenz
- Eigentum andererWas nicht dem Unternehmen gehört, geht heraus – etwa Wertpapiere im Depot einer insolventen Bank.
- Gesicherte GläubigerWerden vorab aus ihren Sicherheiten bedient, etwa aus einer Grundschuld.
- Kosten des VerfahrensGericht, Verwalter und Verbindlichkeiten aus dem Verfahren.
- Gewöhnliche GläubigerHier stehen unbesicherte Anleihen – gleichrangig mit Lieferanten und anderen Gläubigern.
- Nachrangige GläubigerZuletzt, darunter Nachranganleihen.
Quote 2024: 1,25 Mrd. € zur Verteilung auf 12,10 Mrd. € Forderungen (Statistisches Bundesamt, alle Gläubiger, nicht nur Anleihen).
Kurz gesagt: Unbesicherte Anleihen stehen in der Mitte: nach den Sicherheiten, vor dem Nachrang.
Wie viel zurückkommt
Wie viel Gläubiger nach einem Ausfall zurückbekommen, hängt vor allem vom Rang ab. In der langen Statistik von Moody's lag der Kurs unbesicherter vorrangiger Anleihen 30 Tage nach dem Ausfall im Schnitt bei 38 % des Nennwerts, bei besicherten bei 54 %, bei nachrangigen zwischen 25 und 33 %.
Wie oft es überhaupt zum Ausfall kommt, zeigt die Bonität: Von Unternehmen mit BBB fielen nach der S&P-Statistik binnen zehn Jahren knapp 3 % aus, mit BB rund 10 %, mit B 22 % (1981–2024). Das ist Vergangenheit, keine Vorhersage – aber es zeigt, warum ein höherer Zins für mehr Risiko steht. Die Werte für ein einzelnes Jahr stehen unter Bonität und Ratings.
Kurs 30 Tage nach dem Ausfall, in % des Nennwerts
Unternehmensanleihen weltweit, Durchschnitt je Emittent 1982–2006 (Moody's, 2007). Neuere Auswertungen rechnen anders – etwa mit dem endgültigen Erlös statt dem Kurs – und kommen auf andere Werte; die Abstufung nach Rang bleibt.
Kurz gesagt: Je höher der Rang, desto mehr kommt zurück. Bei unbesicherten Anleihen war es im Schnitt weniger als die Hälfte.
Bankanleihen: Bail-in statt Insolvenz
Gerät eine Bank in Schieflage, wird sie oft nicht insolvent, sondern abgewickelt. Die Abwicklungsbehörde kann dann Anleihen der Bank herabschreiben oder in Aktien umwandeln – das heißt Bail-in. Die Reihenfolge ist gesetzlich festgelegt: erst das Eigenkapital, dann zusätzliches Kernkapital (AT1) und Ergänzungskapital (Tier 2), danach die übrigen Anleihen nach ihrem Rang.
Was beim Bail-in ausgenommen ist
Gedeckte Einlagen und Pfandbriefe sind ausgenommen, soweit die Deckung reicht. Für Anleihen einer Bank gilt keine Einlagensicherung. Schlechter als in einer Insolvenz darf dabei niemand gestellt werden; wer es doch wird, hat einen Anspruch auf Ausgleich.
Wer bei einer Bank zuerst Verluste trägt
- AktienHartes Kernkapital
- AT1-AnleihenZusätzliches Kernkapital, oft CoCos
- Tier-2-AnleihenErgänzungskapital, nachrangig
- Nicht bevorrechtigte Senior-Anleihen„Senior non-preferred“, ausdrücklich so bezeichnet
- Übrige Senior-AnleihenBevorrechtigt, zusammen mit anderen unbesicherten Forderungen
Einlagen von Privatpersonen und kleinen Unternehmen stehen davor, gedeckte Einlagen bis 100.000 € sind ganz ausgenommen. Ab 12.05.2028 sollen nach EU-Recht fast alle Einlagen vor gewöhnlichen Bankanleihen stehen.
Kurz gesagt: Bei Banken trifft es Anleihen der Reihe nach: erst AT1 und Tier 2, dann nicht bevorrechtigte, dann übrige Senior-Anleihen.
Staaten: Umschuldung statt Insolvenz
Für Staaten gibt es kein Insolvenzverfahren. Kann ein Staat nicht zahlen, verhandelt er mit den Gläubigern über eine Umschuldung: weniger Kapital, niedrigere Zinsen, spätere Rückzahlung. Seit 2013 enthalten alle neuen Staatsanleihen des Euroraums mit mehr als einem Jahr Laufzeit Umschuldungsklauseln: Stimmt eine qualifizierte Mehrheit der Gläubiger zu, gilt die Umschuldung für alle.
Beispiel Griechenland 2012
Das größte Beispiel ist Griechenland 2012. Die privaten Gläubiger verzichteten auf 53,5 % des Nennwerts; über nachträglich eingeführte Mehrheitsklauseln wurden rund 97 % der Anleihen umgetauscht. Rechnet man die neuen, länger laufenden Anleihen auf ihren damaligen Wert um, lag der Verlust nach wissenschaftlichen Schätzungen bei 58 bis 65 %.
Drei Umschuldungen
| Staat | Was geschah |
|---|---|
| Griechenland 2012 | Schuldenschnitt 53,5 % des Nennwerts, rund 97 % der Anleihen umgetauscht – auch per Mehrheitsklausel |
| Argentinien 2001–2010 | Ausfall 2001; Umtausch 2005 für 76 % der Schulden, nach 2010 zusammen 91 % – Gläubiger mit Anleihen über 18,6 Mrd. USD tauschten 2005 nicht |
| Argentinien 2020 | 93,6 % nahmen das Angebot an, per Mehrheitsklausel 99 % umgeschuldet |
Für Anleihen von Euro-Staaten nach deutschem Recht gelten die Mehrheiten des Bundesschuldenwesengesetzes: 75 % der vertretenen Stimmen in einer Versammlung, zwei Drittel des ausstehenden Nennwerts bei schriftlicher Abstimmung.
Kurz gesagt: Ein Staat geht nicht pleite wie ein Unternehmen – er schuldet um, und eine Mehrheit der Gläubiger entscheidet für alle.
Was in deinem Depot passiert
Zuerst fällt der Kurs, oft lange vor dem Ausfall. Bleiben die Zinsen aus, wird die Anleihe häufig „flat“ gehandelt, also ohne Stückzinsen; die Börse kann den Handel auch aussetzen. Gläubigerversammlungen werden im Bundesanzeiger angekündigt, viele Depotbanken leiten das weiter; du kannst mit abstimmen. Im Insolvenzverfahren meldet der gemeinsame Vertreter die Forderung für alle an, sobald die Gläubiger ihn bestellt haben.
Steuerlich ist der Verlust ein Veräußerungsverlust: Er wird mit anderen Kapitalerträgen verrechnet, auch mit Zinsen, und lässt sich in spätere Jahre vortragen. Wird die Anleihe wertlos ausgebucht, erkennt das Finanzamt den Verlust an; die frühere Grenze von 20.000 € im Jahr für solche Verluste gilt nicht mehr.
Warnzeichen vor einem Ausfall
| Zeichen | Was es bedeutet |
|---|---|
| Rendite weit über vergleichbaren Anleihen | Der Markt verlangt viel Lohn für das Risiko – höhere Rendite heißt höheres Risiko |
| Rating im spekulativen Bereich | Drei von vier Unternehmen, die 2024 ausfielen, standen schon zu Jahresbeginn bei CCC bis C – beim Ausfall waren es 92 % |
| Abstimmung über niedrigere Zinsen oder spätere Rückzahlung | ein Werkzeug der Sanierung – der Schuldner braucht Luft |
Kein Zeichen ist eine Vorhersage. Wer über viele Schuldner streut, verliert bei einem Ausfall nur einen Teil.
Kurz gesagt: Ein Ausfall kündigt sich meist an: hohe Rendite, schwaches Rating. Streuen begrenzt den Schaden.
Allgemeine Information zum Stand Oktober 2026 – keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung. Rechtslage Deutschland; Anleihen nach ausländischem Recht folgen ihren eigenen Regeln.
Hinweise
Stand und Geltung. Rechtslage in Deutschland am 04.10.2026, vereinfacht für Privatanleger; verbindlich sind die Gesetze und die Anleihebedingungen. Statistiken sind Durchschnitte der Vergangenheit, keine Vorhersage; andere Studien messen anders und kommen zu etwas anderen Werten.
Quelle der Insolvenzquote: Statistisches Bundesamt (Destatis); Quote eigene Berechnung.